Innenminister Roman Poseck würdigte bei der Jubiläumsveranstaltung das Engagement der Gemeinde und erinnerte an die besondere Geschichte des Ortes. Zugleich bekräftigte er die Verantwortung des Landes, jüdisches Leben in seiner Vielfalt zu stärken und wirksam vor Antisemitismus zu schützen.
Innenminister Roman Poseck sagte: „Es freut mich, dass wir heute hier in Felsberg in der Jüdisch Liberalen Gemeinde Emet weSchalom zusammenkommen, um ihr 30-jähirges Jubiläum zu feiern. Wenn heute in der Felsberger Synagoge gebetet, gelernt und gefeiert wird, ist das ein Grund zur Freude. Dass dies wieder möglich ist, war lange nicht vorstellbar. Am 8. November 1938 verwüsteten Nationalsozialisten das Gotteshaus. Heute hat die Synagoge wieder eine Gemeinde. Dahinter stehen Menschen, die sich mit Engagement und viel ehrenamtlicher Arbeit für diesen Ort eingesetzt haben. Sie haben ihm ein neues Leben gegeben. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.
Dauerhafte Verantwortung
Dieser Einsatz ist vor dem Hintergrund des zunehmenden Antisemitismus besonders wertvoll. Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat den Alltag vieler Jüdinnen und Juden in Deutschland und auch in Hessen verändert. Der barbarische Angriff der Hamas hat unermessliches Leid über Israel gebracht. Er hat aber auch bei uns eine Welle des Hasses ausgelöst, die bis heute nicht abgeebbt ist.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 für Hessen weist einen sprunghaften Anstieg antisemitischer Straftaten nach dem 7. Oktober 2023 auf, der sich seitdem auf einem konstant hohen Niveau hält. Zwischen 2022 und 2025 gab es einen Anstieg von 107 auf 347 Fälle, also um 224 Prozent. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Es beschämt mich zutiefst, was Jüdinnen und Juden 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland ertragen müssen. Gerade für uns Deutsche erwächst eine dauerhafte Verantwortung, niemals zu vergessen, was geschah. Das Judentum gehört zu Hessen und Deutschland. Antisemitismus hat hier keinen Platz.
Straftaten konsequent verfolgen
Die Polizei verfolgt Straftaten konsequent und sorgt für den Schutz jüdischer Einrichtungen. Das neue Polizeirecht ermöglicht Videoschutz vor besonders gefährdeten Religionsstätten. In der Westendsynagoge in Frankfurt wurde eine Anlage zum Schutz der jüdischen Bürger angebracht. Leider war dieser Schritt wegen der Sicherheitslage erforderlich. Mit dem im August 2026 verlängerten Staatsvertrag stärkt das Land außerdem jüdisches Leben. Zur Antisemitismusprävention fördert Hessen unter anderem die Meldestelle RIAS Hessen und die Beratungsstelle OFEK Hessen. Das Projekt „Shomer Shalom“ qualifiziert Beschäftigte der hessischen Polizei als Ansprechpartner für jüdisches Leben und den Umgang mit Antisemitismus.
Die Studie unseres Landesamts für Verfassungsschutz, die wir im April vorgestellt haben, zeigt, woher dieser Hass heute vor allem kommt und wie er sich organisiert. Israelfeindlichkeit und Antisemitismus wirken heute als Brückennarrativ. Sie bringen Islamisten, deutsche und türkische Linksextremisten und Anhänger säkularer palästinensischer Organisationen zusammen. Hinzu tritt auch weiter der rechtsextrem motivierte Antisemitismus.
Judenhass hat in Hessen keinen Platz
Im Linksextremismus wird Antisemitismus gezielt als politisches Kampfmittel eingesetzt. Gruppen wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) oder die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) verbinden ihre antiimperialistische Ideologie mit israelfeindlichen und antisemitischen Narrativen. Sie sprechen von einem „Genozid in Gaza“, rechtfertigen Gewalt gegen Israel und stellen den jüdischen Staat als „Kolonialmacht“ dar, die es zu bekämpfen gilt. Besonders perfide ist, dass diese Gruppen die Emotionalisierung nach dem 7. Oktober nutzen, um ihre extremistischen Ziele voranzutreiben und dabei auch nicht-extremistische Menschen in ihre Agitation einzubinden. Gerade in der aktuellen Debatte zeigt sich, dass Teile der Linken in Deutschland Antisemitismus in ihren Reihen dulden und eine deutliche Abgrenzung fehlt. In Berlin tritt dies aktuell besonders deutlich zutage.
Für mich gilt klar: Judenhass hat in Hessen keinen Platz und muss aller Klarheit bekämpft werden. Hessen steht fest an der Seite Jüdischer Gemeinden. Nordhessen ist ein wichtiger Wirkungsort der jüdischen Reformbewegung. Gerade kleinere Gemeinden brauchen dabei verlässliche Ansprechpartner und Unterstützung. Ich danke allen, die sich engagieren und zu einer starken und präsenten Jüdischen Gemeinde in Felsberg beitragen.“
Hintergrund
Die Jüdische Liberale Gemeinde Emet weSchalom („Wahrheit und Frieden“) hat ihre Wurzeln in Kassel. Sie ist die einzige eigenständige liberale jüdische Gemeinde in Hessen. Seit 2010 hat sie ihren Sitz in Felsberg; seit 2016 ist sie in der historischen Synagoge ansässig, die 2022 nach umfassender Sanierung wieder eingeweiht wurde. Sie ist die einzige jüdische Landsynagoge Hessens mit aktivem Gemeindeleben. Die Gemeinde organisiert unter anderem „Jewish Kitchen Stories“, interreligiöse Filmabende und Aktionen zum Mitzvah Day. Mindestens 53 Jüdinnen und Juden, die aus Felsberg stammten oder dort gelebt hatten, wurden während der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet.