Das Land Hessen stärkt die Erinnerungs- und Verständigungsarbeit der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ auf einer neuen Grundlage: Innenminister Roman Poseck hat der Stiftung einen Zuwendungsbescheid über 100.000 Euro für das Jahr 2026 übergeben. Erstmals erhält die gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Wiesbaden damit eine institutionelle Förderung durch das Land Hessen. Die Förderung ist nicht an ein einzelnes Projekt gebunden, sondern unterstützt die Arbeit und Strukturen der Stiftung als Institution.
Die Übergabe fand im „Haus Schlesien“ in Königswinter statt, das als Erinnerungs-, Bildungs- und Lernort die Geschichte und Kultur Schlesiens dokumentiert und vermittelt. Gemeinsam mit dem Landesbeauftragten für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Andreas Hofmeister, MdL, tauschte sich der Minister mit dem Vorsitzenden der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“, Staatsminister a. D. Peter Beuth und dessen Team über die Arbeit der Stiftung und die Bedeutung einer lebendigen Erinnerungskultur aus.
Verantwortung für eine gemeinsame Zukunft
Innenminister Roman Poseck betonte: „Erinnerung bewahrt nicht nur die Vergangenheit – sie trägt Verantwortung für unsere gemeinsame Zukunft. Hinter den historischen Begriffen Flucht und Vertreibung stehen Millionen ganz persönlicher Geschichten von Menschen, die ihre Heimat, ihr vertrautes Umfeld und oftmals Angehörige verloren haben und die dennoch die Kraft aufbringen mussten, an einem anderen Ort neu anzufangen. Diese Erfahrungen gehören zu unserer Geschichte und dürfen nicht verblassen. Gleichzeitig erinnert uns die Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung daran, wie kostbar Frieden, Freiheit und Verständigung zwischen den Völkern sind. Genau hier setzt die Arbeit des ‚Zentrums gegen Vertreibungen‘ an: Sie hält Erinnerungen wach, vermittelt Wissen und schlägt zugleich Brücken der Versöhnung. Dass wir die Stiftung erstmals institutionell fördern, ist deshalb ein bewusstes und starkes Signal: Wir unterstützen nicht nur ein einzelnes Projekt, sondern stärken die Stiftung und ihre wichtige Arbeit als Ganzes. Damit schaffen wir eine verlässliche Grundlage für ihre Erinnerungs-, Bildungs- und Versöhnungsarbeit. Hessen steht fest an der Seite der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler und übernimmt Verantwortung dafür, dass ihre Geschichte auch für kommende Generationen sichtbar und verständlich bleibt.“
Landesbeauftragter Andreas Hofmeister ergänzte: „Flucht und Vertreibung haben in der Vergangenheit sehr viel Leid verursacht und tiefe Wunden geschlagen. Damit dies nicht in Vergessenheit gerät, ist es wichtig daran zu erinnern – noch wichtiger aber ist es zu verhindern, dass sich derartiges künftig wiederholt. Gerade hierin liegt die besondere Bedeutung der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, die sich unter dem Vorsitz des Staatsministers a. D. Peter Beuth sowohl der wissenschaftlichen Aufarbeitung des historischen Geschehens als auch der Völkerverständigung und einem friedlichen Zusammenleben in Europa widmet.“
Erinnerung als Auftrag zur Versöhnung
Die Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ wurde im Jahr 2000 von deutschen Heimatvertriebenen gegründet und hat ihren Sitz in Wiesbaden. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Aufarbeitung der Vertreibung von rund 15 Millionen Deutschen aus Ost-, Südost- und Mitteleuropa im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen. Zugleich richtet die Stiftung den Blick über die deutsche Geschichte hinaus auf Vertreibungen, Deportationen und Genozide weltweit.
Ein zentrales Anliegen ist dabei die Förderung von Völkerverständigung und Versöhnung. Durch Information, Dokumentation und wissenschaftliche Unterstützung will die Stiftung dazu beitragen, Wissen über die Folgen von Vertreibung und Genozid zu vermitteln und das Bewusstsein dafür zu stärken, dass sich solche Verbrechen nicht wiederholen dürfen.
Von der Stiftung konzipierte Wanderausstellungen
Einen wesentlichen Bestandteil der Bildungsarbeit bilden sechs von der Stiftung konzipierte Wanderausstellungen, die bundesweit unter anderem in Rathäusern, Landratsämtern, Museen und Kulturzentren gezeigt werden. Sie beschäftigen sich mit deutschem Leben in Mittel- und Osteuropa, Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, der Eingliederung der Heimatvertriebenen in Deutschland sowie mit Lagern, verschwundenen Orten und dem Schicksal der Vertriebenen in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR.
Über die historische Bildungsarbeit hinaus setzt die Stiftung mit dem „Franz-Werfel-Menschenrechtspreis“ ein Zeichen gegen Vertreibung und für die universelle Geltung der Menschenrechte. Die Auszeichnung wird alle zwei Jahre in der Frankfurter Paulskirche an Persönlichkeiten, Gruppen oder Initiativen verliehen, die sich gegen Völkermord, Vertreibung sowie die bewusste Zerstörung nationaler, ethnischer oder religiöser Gruppen engagiert haben. Zu den jüngsten Preisträgern zählen der Bürgermeister von Kiew, Dr. Vitali Klitschko (2025), der damalige rumänische Staatspräsident Klaus Johannis (2023) sowie der ehemalige Bundespräsident Dr. h. c. Joachim Gauck (2021).
Seit 2025 steht der ehemalige Hessische Innenminister und Staatsminister a. D. Peter Beuth an der Spitze der Stiftung. Er folgte auf den 2025 verstorbenen Staatsminister a. D. Dr. Christean Wagner.
„Haus Schlesien“ als lebendiger Erinnerungs- und Lernort
Im Anschluss an die Übergabe des Förderbescheides erhielten Innenminister Roman Poseck und der Landesbeauftragte Andreas Hofmeister bei einem geführten Rundgang Einblicke in die Ausstellung des „Haus Schlesien“. Die Führung übernahmen die ehemalige Direktorin Nicola Remig und der neue Direktor Dr. Marcel Koschek.
Das „Haus Schlesien“ hat sich von einem Ort des Heimatbewusstseins vertriebener Schlesier zu einem generationenübergreifenden Erinnerungs-, Bildungs- und Lernort entwickelt. Sein Dokumentations- und Informationszentrum widmet sich der wechselvollen Geschichte Schlesiens und seiner Menschen. Mit Museum, Bibliothek und Archiv sowie Veranstaltungsangeboten leistet das Haus einen Beitrag dazu, Geschichte und Kultur der mitteleuropäischen Region Schlesien zu dokumentieren, zu bewahren und einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.